
Fünf Kommunen, zwei LEADER-Regionen, 15 Monate Analyse: Die neue Studie zeigt, wo die Wirtschaftsregion Deltaland bei Strom, Wasserstoff und Biogas steht und was als Nächstes zu tun ist.
Die Energiewende entscheidet sich auch vor Ort: bei Stromnetzen, Gewerbegebieten, Betrieben und Biogasanlagen. Genau dort hat die Energiesystemstudie für den südlichen Heidekreis angesetzt. Am 1. Oktober wurde sie auf dem Klimaforum Heidekreis vorgestellt.
Wie es zur Studie kam
Die Städte Walsrode und Bad Fallingbostel sowie die Samtgemeinden Ahlden, Rethem (Aller) und Schwarmstedt haben sich im Rahmen der beiden LEADER-Regionen „Vogelpark“ und „Aller-Leine-Tal“ zusammengetan. Die Fragen, die sie beschäftigen: Wie kann sich die gemeinsame Wirtschaftsregion beim Thema Energie entwickeln? Was bedeutet die Lage am künftigen Wasserstoffkernnetz? Wie gehen wir mit Flächenkonkurrenzen und belasteten Netzen um?
Gefördert wurde das Projekt mit rund 160.000 Euro aus dem LEADER-Programm. Die InfraRes GmbH und die Tilia GmbH aus Leipzig haben 15 Monate lang Erzeuger- und Abnahmepotenziale in Industrie und Landwirtschaft sowie die Infrastruktur untersucht. Dabei tauschten sie sich eng mit Unternehmen, Energieversorgern, der Wirtschaftsförderung und der Energieagentur Heidekreis aus. Die wichtigsten Standorte wurden zu vier Clustern zusammengefasst:
Cluster A: Industriepark Walsrode in Bomlitz
Cluster B: Industriestandort Bad Fallingbostel
Cluster C: Gewerbestandorte Hodenhagen, Ahlden, Schwarmstedt
Cluster D: Rethem
Strom: viel Potenzial, aber die Netze müssen mitwachsen
In den nächsten rund zehn Jahren ist mindestens mit einer Verdopplung des Windstroms zu rechnen, bei Freiflächen-PV sogar mit etwa einer Versechsfachung. Das ist ein echter Standortvorteil. Die gute Jahresbilanz sagt aber noch nicht, ob der Strom zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar ist. Schon heute gibt es Hinweise auf Engpässe an einzelnen Umspannwerken und in der 110-kV-Anbindung. Einen direkten Zugang zu Höchstspannungsleitungen hat die Region bislang nicht.
Für Unternehmen kann daraus ein Zielkonflikt entstehen: Elektrifizierung ist langfristig der zentrale Weg zur Dekarbonisierung, aber begrenzte Netzkapazitäten können die Umstellung kurzfristig ausbremsen. Die größte Aufgabe liegt in der Wärmeversorgung von Gewerbe und Industrie. Die Studie empfiehlt: Energieeffizienz, Wärmerückgewinnung und Elektrifizierung als Basis. Die konkrete Lösung hängt vom Temperaturniveau, vom Lastprofil und vom Standort ab.
Auch für die Kommunen hat das Folgen. Bei neuen Gewerbe- und Industriegebieten muss die klimaneutrale Energieversorgung von Anfang an mitgeplant werden. Die Studie regt dafür ein regionales Energie-Board an. Netzrestriktionen könnten Ansiedlungsstrategien künftig stärker einschränken als früher.
Wasserstoff: Anschluss gesichert, Bedarf noch offen
Die Region liegt am künftigen nationalen Wasserstoffkernnetz, genauer am regionalen Abschnitt des „Hyperlink 2“. Dafür soll eine vorhandene Erdgastrasse durch den südlichen Heidekreis bis 2029 auf Wasserstoff umgestellt werden.
Für einen Anschluss von Hodenhagen und Buchholz/Aller gibt es heute noch keine technische oder wirtschaftliche Grundlage, bei konkretem Bedarf wäre er aber möglich. Hodenhagen könnte langfristig zu einem Knoten für erneuerbare Energien werden, mit Elektrolyse aus Windstrom, Speichern und dem großen Aufdach-PV-Potenzial in den Gewerbegebieten, auf Stellflächen der Automobillogistik und beim Serengeti-Park.
Konkreter ist die Lage im Großraum Walsrode: Für Lehringen und Hollige haben der Gasnetzbetreiber Nowega und die Stadtwerke Böhmetal Vereinbarungen über zwei Anschlussstationen am Kernnetz geschlossen. Damit hat die Region strategische Anschlussoptionen. Hollige könnte neben Lehringen ein Entwicklungskorridor für Cluster A werden, auch für den A27park und perspektivisch für Cluster B. Geprüft werden sollten dort sowohl die Ausspeisung aus dem Kernnetz als auch die Einspeisung von regional erzeugtem Wasserstoff.
Ob ein regionales Verteilnetz machbar und wirtschaftlich ist, muss sich noch zeigen. Preise, Liefermengen und Bedarf sind unklar, deshalb planen energieintensive Unternehmen zurückhaltend und sehen Erdgas zumindest als Übergangslösung. Wasserstoff bleibt vor allem für schwer elektrifizierbare Prozesse eine Zukunftsoption.
Biogas: neue Perspektiven nach dem EEG
In der Region laufen 28 primäre Biogasanlagen. Sie erzeugen zusammen 113 GWh Strom und 124,5 GWh Bruttowärme pro Jahr. Würde man das Rohbiogas vollständig aufbereiten, ergäbe sich theoretisch ein Biomethanäquivalent von rund 269 bis 276 GWh pro Jahr. Viele Anlagen suchen mit dem Ende der EEG-Förderung nach neuen Perspektiven.
Die Empfehlung: prüfen, wie Biogas und Biomethan die Elektrifizierung in den Clustern A und B ergänzen können, etwa für Spitzen- und Hochtemperaturlasten, zum Beispiel über regionale Rohgas- oder Biomethanverbünde. Im Aller-Leine-Tal (Cluster C und D) lohnt sich die Prüfung eines gemeinsamen Rohbiogas-Verbundes.
Die vollständige Studie mit den Analysen und konkreten Handlungsempfehlungen zu den vier Clustern und der Bewertung der Transformationspfade steht hier zum Download bereit.
Das Vorhaben „Energiesystemstudie für die Wirtschaftsregion Deltaland" wird im Rahmen der integrierten ländlichen Entwicklung durch das Regionalmanagement der beteiligten LEADER-Regionen Vogelparkregion und Aller-Leine-Tal gefördert. Das Projekt wird kofinanziert durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) und das Land Niedersachsen.